Synthetisches Cannabinoid – wenn Cannabis gefährlich wird…

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Liebe Cannabis-Konsumierende,

regelmäßig wird von umliegenden Drug-Checking Angeboten Cannabis getestet, wenn dieses bei Konsumierenden zu ungewohnten Nebenwirkungen führt. Meist wird in diesen Proben dann synthetisches Cannabinoid festgestellt. Wenn dieses unwissentlich konsumiert wird, sind häufig Krankenhausaufenthalte die Folge. In Europa kam es auch schon zu mehreren Todesfällen nach dem Konsum solcher Substanzen. Denn im Gegensatz zu natürlichem Cannabis ist eine Überdosierung des synthetischen Produkts möglich. Wie es dazu kommen kann, ist noch nicht gänzlich erforscht, jedoch gibt es bisher folgende Erkenntnisse diesbezüglich:

Das THC im Cannabis beeinflusst das körpereigene endocannabinoide System und hat somit Einfluss auf das Immun- und Nervensystem, die Appetitregulierung, das Gedächtnis und weitere Funktionen. Kommt es zu einer Stimulierung der Cannabinoid-Rezeptoren, produziert der Körper automatisch Pregnenolon-Hormone, welche eine Überstimulierung des Rezeptors verhindern und somit den Körper schützen. Laut Forschern müsste ein Mensch fast 700 kg Marihuana in 15 Minuten konsumieren, damit eine Überdosierung eintritt, was in der Praxis unmöglich ist.

Anders verhält es sich bei dem Konsum von synthetischen Cannabinoiden. Diese binden sich mehr als 100 Mal so stark an den Cannabinoid-Rezeptor CB1 als die natürliche Komponente und haben eine längere Halbwertszeit (Wirkdauer). Außerdem wird synthetisches Cannabinoid meist auf Kräutermischungen oder Teile der Marihuana-Pflanze aufgetragen. Wenn sich dieses in der Lagerung löst, unterliegt das abgepackte Produkt starken Schwankungen der Wirkstoffkonzentration, was eine richtige Dosierung unmöglich macht.

Synthetische Cannabinoide sind hinsichtlich ihres Wirkverhaltens kaum erforscht und daher birgt jeder Konsum ein erhebliches Risiko. In Zürich und Innsbruck wurden in den vergangenen Monaten vor allem die Substanzen 4F-MDMB-BINACA und 5F-ADB getestet, die beide in Zusammenhang mit mehreren Todesfällen in Europa stehen. Im Umlauf waren diese Substanzen am Schwarzmarkt als natürliches Cannabis. Daher sollten Cannabis-Konsumierende unerwartete Nebenwirkungen sehr ernst nehmen und dringend medizinisch abklären lassen.

 

 

Daniel mit dem  Team

 

 

Und das interessiert uns diesen Monat:

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Wie Drogen unser Belohnungssystem „kidnappen“

November 2019

Dem Anblick eines Tortenstücks oder dem Geruch einer frisch gebackenen Pizza zu widerstehen, ist nicht immer leicht. Unser Gehirn verfügt über ein Belohnungssystem, das angenehme Gefühle vermittelt und unser Verhalten lenkt. Drogen können einen besonders starken Reiz ausüben.

Sein Ursprung liegt weit zurück. In grauer Vorzeit hat die Funktion des Belohnungssystems vermutlich über Leben und Tod entschieden. Denn es lenkt uns zu den Dingen, die für unser Überleben wichtig sind wie beispielsweise die Nahrungsbeschaffung. Unsere Vorfahren hatten schließlich keinen Supermarkt um die Ecke, sondern mussten für die Suche nach Nahrung einigen Aufwand betreiben. Wer süße Früchte am Wegesrand fand, tat vermutlich gut daran, diese möglichst schnell und in großen Mengen zu verspeisen, bevor jemand anderes es tut. Schließlich liefern reife Früchte mit ihrem hohen Zuckergehalt jede Menge Energie.

Unsere Vorliebe für Süßes geht somit vermutlich auf den evolutionären Vorteil zurück, den uns das Verspeisen hochkalorischer Nahrung eingebracht hat. In der Folge, so die Theorie, wurde das Aufsuchen und Essen solch vorteilhafter Nahrungsmittel fest im Belohnungssystem im Gehirn verdrahtet. Schmackhafte Nahrung, aber auch so elementare Dinge wie Körperkontakt und Sexualität werden in der Wissenschaft daher als primäre Verstärker bezeichnet. Die Vorliebe für diese Dinge ist dem Menschen und den meisten anderen Säugetieren angeboren.

Entdeckung des Belohnungssystems

Die Entdeckung des Belohnungssystem geht zurück auf ein Experiment aus dem Jahre 1954. Die US-amerikanischen Forscher James Olds und Peter Milner haben Elektroden in die Gehirne von Ratten eingepflanzt, um einzelne Gehirnareale gezielt durch leichte elektrische Ströme zu stimulieren. Die Elektroden wurden mittels eines Hebels aktiviert, den die Ratten selbst betätigen konnten. Dabei konnten die Forscher beobachten, wie die Ratten teilweise bis zu 2000-mal in der Stunde auf den Hebel drückten. Sie taten dies stundenlang bis zur völligen Erschöpfung. Die primären Verstärker Nahrung und Schlaf waren offenbar weniger attraktiv als die Stimulation, die auf den Hebeldruck folgte.

Tierstudien haben auch zu der Erkenntnis geführt, dass es Belohnungsregelkreisläufe im Gehirn gibt, die vom entwicklungsgeschichtlich alten Mittelhirn ausgehen und unterschiedliche Areale miteinander verbinden. Einer der wichtigsten Botenstoffe in diesen Regelkreisläufen ist der Neurotransmitter Dopamin.

Dopamin vermittelt Vorfreude

Dopamin wird vor allem dann ausgeschüttet, wenn eine Belohnung überraschend kommt oder wenn Reize auftreten, die eine Belohnung anzeigen. Dopamin ist somit nicht so sehr an den positiven Gefühlen während des Konsums der Belohnung beteiligt. Die schönen Gefühle werden eher durch Serotonin und Endorphine vermittelt. Vielmehr erzeugt Dopamin die Vorfreude auf eine Belohnung und die mit der Erwartung einhergehenden positiven Gefühle.

Durch den zu erwartenden belohnenden Effekt entsteht die Motivation, den auslösenden Reiz immer wieder aufzusuchen. In der Fachwelt werden in diesem Zusammenhang auch die englischen Begriffe „Wanting“ und „Liking“ verwendet. Dopamin ist für das „Wanting“ verantwortlich, dem aktiven Aufsuchen der Belohnung. Bei Abhängigen wird das „Wanting“ zum Craving, das sich als sehr starkes Verlangen nach der Droge bemerkbar macht. Der Begriff „Liking“ steht hingegen für die angenehmen Gefühle, die während des Konsums der Belohnung ausgelöst werden.

Drogen erzeugen eine besonders starke Aktivierung des Belohnungssystems

Neben den primären Verstärkern aktivieren Substanzen wie Alkohol, Kokain und andere Drogen ebenfalls das Belohnungssystem. Im Vergleich zu den primären Verstärkern können Drogen eine besonders starke Freisetzung von Dopamin auslösen. Während primäre Verstärker die Dopaminkonzentration um bis zu 100 Prozent erhöhen können, lassen Drogen wie Kokain den Dopamin-Level um bis zu 1000 Prozent in die Höhe schnellen.

Der starke Anstieg der Dopaminausschüttung wird vom Organismus als eine besonders hohe Belohnung wahrgenommen, die „besser ist als erwartet“. Während bei den primären Verstärkern irgendwann ein Sättigungseffekt einsetzt, weil kein weiteres Dopamin mehr ausgeschüttet wird, ist dies bei Drogen zumindest in der Anfangsphase der Abhängigkeitsentwicklung nicht der Fall. Drogen greifen in das Belohnungssystem ein, indem sie direkt die Dopaminausschüttung ankurbeln. So ist der typische Ablauf einer Suchtentwicklung davon geprägt, dass die Person immer wieder zum Suchtmittel greift.

Primäre Verstärker verlieren ihren Reiz

Durch wiederholten Drogenkonsum verändert sich die Aktivität des Belohnungssystems. Es reagiert bevorzugt nur noch auf Drogen und andere Reize, die mit Drogenkonsum in Zusammenhang stehen. Das können bestimmte Orte, Dinge oder auch konsumierende Freunde sein. Während die Aufmerksamkeit der Person sich immer mehr auf die Droge hin ausrichtet, verlieren primäre Verstärker ihren Reiz. Für andere Dinge interessiert sich die Person nicht mehr. Die Psychologin Katrin Charlet und der Mediziner Andreas Heinz sprechen daher auch davon, dass das Belohnungssystem von der Droge „gekidnappt“ wird, weil es vordringlich nur noch auf Drogen reagiert.

In späteren Phasen der Abhängigkeit entwickelt sich schließlich eine starke Verbindung zwischen Drogenreizen, wie bestimmten Orten, an denen die Droge konsumiert wurde und den dazugehörigen Verhaltensreaktionen, die zum Konsum führen. Der Drogenkonsum wird immer mehr zur Gewohnheit, die sich willentlich kaum noch steuern lässt.

Drogenkonsum wird zur Gewohnheit

Im Gehirn erfolgt dabei eine zunehmende Vernetzung des Belohnungssystems mit solchen Arealen, die gewohnheitsmäßiges Verhalten steuern. Diese Verbindung wird auch für das zwanghafte Konsumverhalten von Drogenabhängigen verantwortlich gemacht. Dies geht so weit, dass Abhängige rückfällig werden, ohne dabei eine bewusste Entscheidung für den Konsum gefällt zu haben. Drogenkonsum wird mehr oder weniger automatisch durch bestimmte Reize ausgelöst. Das Belohnungssystem hat sich gewissermaßen an der bewussten Kontrolle vorbeigemogelt, um an die Droge zu kommen.

Dies erklärt, warum es abhängigen Menschen so schwerfällt, mit dem Konsum aufzuhören, obwohl sie wissen, dass er schädlich für sie ist. So berichten Charlet und Heinz in einem Artikel von dem Fall eines 45-jährigen alkoholabhängigen Patienten, der trotz andersartiger Vorsätze unter bestimmten Umständen rückfällig wird. Wenn er abends an einer Kneipe vorbeilaufe und das Gläserklirren von innen hört und gleichzeitig sieht, wie warmes Licht aus der Kneipe scheint, dann könne er sich nicht zurückhalten und stürme in die Kneipe, um sich sein alkoholisches Lieblingsgetränk zu bestellen.

Fazit

Unser Gehirn verfügt über ein Belohnungssystem, dass in der Evolution früh angelegt wurde. Es wird durch sogenannte primäre Verstärker wie Nahrung, Körperkontakt oder Sexualität aktiviert, aber auch durch Substanzen wie Alkohol und andere Drogen. Der Botenstoff Dopamin spielt in diesem Zusammenhang eine wichtige Rolle. Dopamin ist nicht so sehr für die Euphorie beim Konsum verantwortlich, sondern vermittelt vor allem das Gefühl der Vorfreude auf die Belohnung.

Drogen können die Dopaminausschüttung um ein Vielfaches stärker anregen als primäre Verstärker. Daher kann von Drogen ein besonders starker Anreiz zu weiterem Konsum ausgehen. Bei häufigem Konsum verändert sich die Aktivität des Belohnungssystem. In der Folge reagiert es vorwiegend nur noch auf Drogen. Andere Dinge werden uninteressant. Fortgesetzter Konsum führt zu einer zunehmenden Vernetzung des Belohnungssystems mit Hirnarealen, die für gewohnheitsmäßiges Verhalten zuständig sind. Abhängige Menschen greifen dann mehr oder wenig automatisch zum Suchtmittel und haben große Probleme, den Konsum bewusst zu steuern.

Quellen:

Charlet, K. & Heinz, A. (2012). Pathomechanismen der Abhängigkeitserkrankungen – Funktion und Neuroanatomie des Belohnungssystems. InFo Neurologie & Psychiatrie, 14 (10), 44-53.

Kringelbach, M. L. & Berridge, K. C. (2010). The Functional Neuroanatomy of Pleasure and Happiness. Discov Med, 9(49), 579-587.

Olds, J., Milner, P. (1954). Positive reinforcement produced by electrical stimulation of septal area and other regions of rat brain. Journal of Comparative and Physiological Psychology, 47 (6), 419–27.

Yalachkov, Y., Kaiser, J., Roeper, J. & Naumer, M. J. (2012). Neurobiologische und kognitive Grundlagen der Sucht. Zeitschrift für Psychiatrie, Psychologie und Psychotherapie, 60 (3), 1-8.

 

Verfasst von Autor*innen von drugcom.de der BZgA

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